Donnerstag, 4. Oktober 2018

Schuld durch Wiedervereinigung

Der November 1989 war für mich ein einschneidendes Erlebnis.

Der Kalte Krieg, die Erfolglosigkeit der Volksaufstände, die graue Tristesse des eingeengten Lebens - das alles erschien mir ewig und unumstößlich.

Dann: 1989. Die Radioübertragungen aus Berlin waren kaum zu glauben. Trotz allem: Denn natürlich wusste jeder um die Zerrissenheit unseres kleinen Sowjetvasallen.

Der Fortschritt wurde dauernd proklamiert, aber echter Fortschritt braucht keine Proklamation, nur solcher, der den erlebten Verfall umdeuten muss.

Die Kultur wurde fortwährend proklamiert, aber echte Kultur benötigt keine Proklamation, nur solche, die Unabhängigkeit im Denken und Schönheit im Fühlen verachtete.

Die Volksherrschaft wurde ständig proklamiert, aber echte Volksherrschaft benötigt keine Proklamation, nur solche, die kaschieren muss, wie ein Volk durch Einheitspartei und Primat der Sowjetunion mundtot gemacht wurde.

Der Sieg des Sozialismus wurde anhaltend proklamiert, aber echte Siege müssen nicht proklamiert werden, nur solche, die umfänglich durch Reiseverbote, Mangelwirtschaft und Geheimpolizei charakterisiert sind.

Auch wenn es nicht jeder so artikulieren konnte: die Demos, die Rufe vom Volksein, und der Sturm der Mauer waren keine Absage an die eigene Geschichte, die eigene Lebenswirklichkeit, nicht einmal die Ideologie als solche.

Die Menschen wollten reisen, sie wollten Zitrusfrüchte, sie wollten Coca-Cola, lustige Aufkleber, schnittige Autos, bunte Wäsche, haltbare Dachziegel fürs Haus. Sie wollten Überfluss, nicht Mangel, und freie Auswahl statt Einheitsware (neudeutsch: statt Alternativlosigkeit).

Was sie abschaffen wollten, war nicht ihr Staat, sondern die Verlogenheit des Systems, die selbstgewollte Taubheit und selbstverschuldete Blindheit des Staatswesens gegen die Realität, das ihnen alles vorenthielt, was der Klassenfeind spielend erreichte, und den Verzicht noch als das Ziel verkaufte.

Und außerdem war da noch eine Rechnung offen mit der Sowjetunion, diesem machtseligen und gewaltverherrlichenden Gebilde, von asiatischen Weiten und dem Kampf gegen mächtige Naturgewalten zum Gigantismus und Absolutismus (im Wortsinn) getrieben; ein Staat, dem schon Lenins verzwirbelte Thesen fremder waren als ein zünftiges Zaren-, Kulaken- und Verrätermorden, und dessen völlig selbstverständliche Ignoranz gegenüber der deutschen Enge in Leben und Denken einem ständig ins Bewusstsein zurückrief, dass eben nicht der Bessere, sondern der Stärkere gewinnt.

Natürlich teilte nicht jeder diese Auffassung, oder er teilte sie, scheute aber die Konsequenzen: Die politische Kaste hatte sich festgelegt und war mit dem sowjetischen Sozialismus intensiver und sturer ins Bett gestiegen als die meisten anderen Ostblockstaaten. Da war für die, die das aus Liebe und Überzeugung getan hatten, kaum ein Heraus ohne Ehrverlust möglich (was den politischen Prostituierten natürlich fremd ist), besonders nicht in kurzer Zeit und getrieben von den Umständen statt eigener Entwicklung.

Andererseits: wer hinter die westliche Fassade aus Südfrüchten und bunter Werbung schaute, erkannte auch, dass der vermeintlich erfolgreichere Gegenentwurf seine eigenen Krisen hatte. Ebenfalls nicht ideologische Krisen, sondern banale, vom Ölpreis, Monopolisierung und dem Primat der Wirtschaftlichkeit diktierte, und die Freiheit unter der Bedingung stand, für den anderen Besatzer die Beine breit zu machen.

Von daher verstehe ich den Übergang des skandierten "Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" als die unvermittelt eintretende Erkenntis, dass den Deutschen hier ein unbeabsichtigt gereifter Pfirsich in den Schoß fallen könnte, nämlich die schmerzlich vermisste Souveränität des Staates hinter dem Feigenblatt der Wiederherstellung seiner Einheit.

Das ist flach und banal, aber so ist es. Dafür akzeptierten die Deutschen auch Opfer: im Osten waren die Internierungslager für Aufständische schon eingerichtet, inklusive Verteilungsschlüssel - das hätte für 86 000 DDR-Bürger übel ausgehen können. Und auch der Westen brachte (und bringt bis heute) Opfer, wenn auch vorrangig finanzielle, für die Einheit - der Soli ist darunter nur besonders auffällig.

Aber diese Opfer wurden keiner Ideologie gebracht - Menschen sind hedonistische Egoisten, und die meisten wollen einfach nur gut leben und frei und unbedroht sein. Dafür akzeptieren sie jede Ideologie, die ihnen das einigermaßen bietet oder vorflunkert, doch ihr Inhalt ist ihnen egal. Für Ideologien kämpfen nur diejenigen, die auf Kosten dieser Mehrheit leben wollen.

Ganz gleich: die Deutschen hatten das Trauma der Trennung und Besatzung scheinbar überwunden oder begannen zumindest aktiv, es zu überwinden, und waren's zufrieden.

Nun ist die erste Generation herangewachsen, die weder den Wert dieses Erfolges am eigenen Leib verspüren kann, noch dafür Opfer gebracht hat, und schon beginnt die Geschichtsklitterung. faz.net berichtet, einigen Interessenverbänden stoße sauer auf, dass die deutsche Einheit "üblicherweise aus einer rein „weißen“ Sicht betrachtet [wird] – deutschdeutsche Ostdeutsche wiedervereint mit deutschdeutschen Westdeutschen" (bzi-forderungen (pdf, 3.143 KB) ).

Schon der unterschwellige Rassismus dieser Aussage führt zu erhobenen Augenbrauen. Aber dessen unbenommen: Wer außer den Deutschen hatte denn Anteil am Trauma der Staatstrennung und des Souveränitätsverlusts, und den Willen beides ungeachtet der Konsequenzen zu überwinden? Die Italiener, Griechen und Türken auf der einen Seite und die Vietnamesen auf der anderen Seite kamen ja nicht ins Land, um den Schutt wegzuräumen und den Deutschen die Psyche zu heilen, sondern um besser zu leben als bei sich zu Hause (auch wenn sich das nicht für jeden erfüllt hat), und auch ein bisschen deshalb, weil sie, genau wie die Deutschen, ihrerseits Spielbälle ihrer Systeme waren und sind.

Es sind aber nicht mal diese, die wenigstens an der wirtschaftlichen Leistung der Deutschen mitarbeiteten, die sich nun versammeln, um einen „Tag der deutschen Vielfalt“ einzufordern, um die Unzulänglichkeit des Tags der Deutschen Einheit wettzumachen, wo Nichtdeutsche mal einen Tag lang nicht im Vordergrund stehen.

Es sind "russischsprachige Eltern", die in den 90ern flugs die Seiten wechselten und dann vom Sozialsystem eines Staates profitierten, dem sie nie Abgaben gezahlt hatten.

Es sind "Schwarze Menschen" (Selbstbezeichnung), die also aus ehemaligen britischen, französischen und italienischen Kolonien kommen und deren Kolonisatoren allesamt die Wiedervereinigung Deutschlands ausdrücklich mit Argwohn bis hin zu Ablehnung verfolgten.

Es sind Hilfsverbände für Syrer, denen wohl unterstellt werden muss, dass sie aus der damaligen Bereitschaft der Deutschen, für ihre eigene Einheit zu kämpfen, einen Anspruch für die Alimentierung von Syrern ableiten, nur mit der Abweichung, dass jene den Anspruch haben, ihre Vielfalt zu erhalten, statt als Bringschuld einen Beitrag für die Einheit zu leisten.

Es sind Leute, die ihre Interessen mit englischen Floskeln codieren; die behaupten, für "20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund" zu sprechen, welche den geistigen Spagat schaffen, Deutschland als ihre "Heimat" zu beanspruchen, sich aber sogleich unter der Losung der "Vielfalt" (als Gegensatz zur Einheit) wieder abzugrenzen und ihre abweichende "Identifikation" in den Vordergrund zu stellen.

Sie versuchen, den Deutschen ihre Wiedervereinigung nicht als Errungenschaft, sondern als Makel zu verkaufen, indem sie sie "mit rassistischen Erfahrungen" für einige Nicht-"deutschdeutsche" in Verbindung bringen. Das ist nichts anderes als der Versuch, die Deutschen erneut zu einem Volk von Tätern zu stempeln, ihnen eine neue Erbschuld anzulasten, als sei die Wiedervereinigung ein "Entfremdungs- und Stigmatisierungs"-instrument gewesen, bewusst von den "Weißen" eingesetzt, um Ausländer auszugrenzen, zu verkloppen, zu verbrennen und in den Tod zu hetzen.

Und dass faz.net von diesem Appell reichlich irrelevanter Organisationen (obwohl z.T. auf der Gehaltsliste diverser Ministerien) ohne jegliche Not und Einordnung berichtet, legt nahe, dass sich die Deutschen diesen Schuh anziehen lassen werden.

Schlagwort: Verrückte Normalo-Welt

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Dienstag, 11. September 2018

Von Expats verschmäht

Deutschland ist wieder mal fast ins letzte Drittel abgerutscht.

Was ist es diesmal? Die Pisa-Ergebnisse? Durchschnittliches Privatvermögen? Euro-Vision Song Contest?

Nein, es ist das Ansehen unter ausländischen Fachkräften, sagt faz.net.

Stand Deutschland 2014 noch auf Platz 12, liegt es jetzt bei Platz 36 von 58, sagt ein Online-Netzwerk.

Am schlimmsten fanden die Fachkräfte die Sprache, die mangelnde Integration und die Kultur.

Auch fehlt ihnen der Breitbandanschluss, und das kann ich nur bestätigen. In fast allen Ländern, in denen ich öfters unterwegs bin, gibt es ordentliches mobiles Internet, nur in Deutschland nicht.

Der Artikel der FAZ lässt es bei der Statistik bewenden. Ich aber nicht.

Denn es drängen sich doch glatt ein paar Fragen auf:

Was ist denn von 2014 bis 2018 so passiert, dass Deutschland plötzlich so viel schlechter dasteht?

Es haben sich doch weder die deutsche Sprache noch die deutsche Kultur geändert in dieser kurzen Zeit?

Liegt es etwa gar nicht an der deutschen?

Und könnte es sein, dass die 70 bis 80 Milliarden Euro, für die ganz Deutschland mit Glasfaserkabeln vernetzt werden könnte, für etwas anderes draufgegangen sind (und auch in Zukunft noch werden)?

Ach, und wer kommt da eigentlich in letzter Zeit so gern nach Deutschland? Fachkräfte sind es ja offensichtlich eher nicht, sagt faz.net.

Schlagwort: Geschichten aus der heilen Welt

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Freitag, 3. August 2018

Der Pay Gap beträgt 22%

... nämlich die Lohnlücke zwischen Ost- und Westdeutschland.

Im Osten verdiente man 2017 durchschnittlich 2600 Euro im Monat, im Westen 3339 Euro.

Noch schlimmer auf Landkreisebene: im am schlechtesten bezahlten Landkreis (Görlitz, natürlich im Osten) verdiente man 2183 Euro, während man im am besten bezahlten Landkreis (Ingolstadt, natürlich im Westen) 4635 Euro verdiente.

Immerhin eine Lohnlücke von 53 (!!!) Prozent.

Die Ursachen sind wie immer gemischt: vorrangig strukturell (gibt es florierende Unternehmen oder nicht), aber auch individuell (Qualifikation).

Bei dem Wort "strukturell" müssten sich Ihnen eigentlich die Nackenhaare aufstellen. Denn das bedeutet nichts anderes als eine Ungleichbehandlung der Beschäftigten einzig aufgrund ihres Lebensorts.

Wo bleibt der Aufschrei?

Wo bleibt die Quote für gut verdienende Unternehmen im Osten?

Wo bleiben die Gleichstellungsbeauftragten, die verbieten, ein Unternehmen im Westen zu gründen, solange nicht gleich viele Unternehmen im Osten gegründet worden sind?

Ich meine das durchaus ernst.

Schlagwort: Fadenschein

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